Tatsächlich begleitet KI den Gaming-Bereich schon seit den Anfängen. Figuren bzw. sogenannte Non-Player-Characters (NPCs) in Videospielen handeln größtenteils nach einer vordefinierten Struktur, einem Script, und reagieren auf das Verhalten des Spielenden. Sie schöpfen aus einem Pool vorgegebener Varianten, erwecken aber den Eindruck, sich intelligent zu verhalten. Das Problem: Wenn man diese "primitive KI" aus der Spur wirft, dann treten sogenannte Bugs auf, die das Spielerlebnis mindern – es sei denn, man erfreut sich an witzigen und skurrilen Fehlern. Jedenfalls ist das keine selbstständig denkende künstliche Intelligenz. Einer KI gibt man gewisse Parameter vor, in der sie sich frei und kreativ bewegen kann. Sie lernt konstant dazu und lässt die Handlungen der Figur im Laufe des Spiels zunehmend verbessern, sodass interaktive Erlebnisse erstellt werden. Künstliche Intelligenz kann in vielen Bereichen der Spielentwicklung eingesetzt werden.
Verschiedene Einsatzmöglichkeiten im Gaming
Meistens tragen das Verhalten und die Entscheidung des Spielenden in einem Role-Playing Game (RPG) zur Änderung des Storytellings bei. Dieses Genre spielt oft in einer Open-World. Dabei handelt es sich um Spielumgebungen, in denen sich Spielende größtenteils frei bewegen und eigenständig zwischen Spielverläufen wählen können. Diese Spiele und Spielumgebungen weisen unterschiedliche Erzählstränge, Charaktere und Spielwelten auf. Mit "Red Dead Redemption 2" (RDR2) schaffte Rockstar Games eine aktive und lebendige Open-World im Wild-West-Stil. Das heißt, jeder nicht spielbare Charakter bekam mehr Details als üblich. Sie haben einen eigenen regelmäßigen Tagesablauf, führen untereinander Gespräche und reagieren unterschiedlich auf das Aussehen und Verhalten des Spielenden. Natürlich ist das noch keine eigene künstliche Intelligenz, aber sie kommt der Vorstellung einer KI schon sehr nahe, denn – und das war neu – sie lernen aus eigenen Fehlern dazu. Beispielsweise passen Gesetzeshüter ihre Art und Weise der Verfolgung an die Umstände der Umgebung an und klettern auf ein naheliegendes Dach, falls der Spieler oder die Spielerin sich dort verstecken wollte. Sie suchen und stellen so Sichtkontakt wieder her, nur um mit der Verfolgung fortzusetzen. Üblicherweise wurde in älteren Spielen die Verfolgung nach Abbruch des Sichtkontakts eingestellt. Sogar die Tiere in "RDR2" passen sich unterschiedlich und realistisch dem Verhalten des Spielenden an. Ziegen und Pferde geben dem Spielenden die Chance, sie zu streicheln, aber reagieren empfindlich auf schnelle Bewegungen. Wölfe und Bären fliehen entweder oder greifen den Spielenden an, wenn sie sich bedroht fühlen.
Ein weiteres Beispiel ist "Alien: Isolation". In diesem Horror-Survival-Game, inspiriert vom Filmklassiker von Regisseur Ridley Scott, soll der Spielende auf einer Raumstation überleben und das Verschwinden einer Person untersuchen. Dabei wird der Charakter dauernd vom Alien gesucht und gejagt. Die KI des Aliens lernt ebenfalls dazu und verbessert sich im Laufe des Spiels, dies liegt aber am Zusammenspiel zwischen zwei verschiedenen Verhaltensmanagementsystemen, der Director-KI und der Alien-KI. Die Director-KI weiß jederzeit, wo der Spielende sich aufhält, und gibt dem Alien Hinweise, in welche Richtung es suchen muss. Die Alien-KI an sich besitzt einen großen detaillierten Verhaltensbaum, bei dem bestimmte Abschnitte zu Beginn des Spiels gesperrt sind. Wenn nach und nach im Laufe des Spiels bestimmte Bedingungen erfüllt werden, schaltet das System neue Verhaltensweisen im Baum frei. Dadurch erweckt es den Eindruck, dass das Alien schlauer wird und auf den Spielenden reagiert. Einfach genial! Eine richtige eigenständige KI könnte solche Spieleerlebnisse zukünftig auf ein höheres Level heben.
Dialoge in Videospielen können dynamisch erzeugt werden und sich auf die Geschichte auswirken, zum Beispiel die Mitteilung des Spielers über den Status der Spielwelt an eine KI. So wird die Story variabel aufgebaut und weitergesponnen. Beispiel: Figur A ist mit Figur B befreundet oder verbündet, aber hintergeht Figur B mit Figur C. Die KI nimmt diese Parameter auf und erzeugt die Geschichte dahinter, die schließlich dann die Handlung des Spielenden dynamisch beeinflussen wird. Ubisoft stellte mit Ghostwriter eine dieser KI-Art vor.
Nicht nur während des Spielens kann eine künstliche Intelligenz nützlich sein. Eine KI gestaltet die Umgebung mit und hilft schon bei der Erstellung von Spielwelten, z.B. beim Platzieren von Bäumen oder bei der Gestaltung von Postern, welche im Spiel an einer Wand zu sehen sind. Ein digitaler Entwurf, gezeichnet von einer KI, kann die Künstlerin oder den Künstler zu 3D-Assets inspirieren. So sparen Entwicklerinnen und Entwickler wertvolle Zeit und müssen diese nur etwas bei Bedarf anpassen.
In der Spielentwicklung kann eine KI zum Testen von Leveln und zum Finden von Bugs eingesetzt werden. Es benötigt mehrere Durchläufe, um Bugs in einem Spiel zu finden. Eine KI könnte die Testphase viel schneller und effizienter abschließen als ein Mensch. Wichtig hierbei ist natürlich, dass die KI versucht, einen Spielenden zu kopieren, und gewisse Ausführungen nachahmt. Mit Icarus von Daedalic Entertainment wurde dieser Prozess für Point-&-Click-Adventures bereits automatisiert.
Electronic Arts arbeitet daran, mithilfe einer KI-Software Animationen von NPCs möglichst realistisch aussehen zu lassen. Die Figur soll dann auf den Spielenden sehr echt wirken und so das Spielerlebnis deutlich aufwerten. Die KI lernt aus Videos und Bildern von Menschen und ahmt die Bewegungen und Gesichtszüge nach. Dabei ordnet die KI-Software gewisse Bewegungen den Emotionen und Umgebungen zu, auf die sie reagieren soll.
„StarCraft II“ vom Entwickler Blizzard Entertainment gilt seit der Veröffentlichung im Jahr 2010 als eins der komplexesten und anspruchsvollsten Echtzeit-Strategiespielen. Nach einem tagelangen Training mit einem tiefen neuronalen Netz, welches direkt Rohdaten des Spiels nutzte, gelang es der KI AlphaStar erst 2019 gegen zwei professionelle Spieler über mehrere Partien hinweg zu gewinnen. Damit es fair blieb, hatte die KI dabei den Überblick über alle sichtbaren Bereiche des Spielfelds, aber immer nur auf einen Teil der Karte Zugriff und ein menschliches Maß an Aktionen pro Minute zur Verfügung. AlphaStar glänzte mit Multitasking und Micromanagement. Das zeigt, dass KI auch in der kompetitiven Videospielszene in Zukunft mehr von Bedeutung sein wird. Spieler und Spielerinnen können von einer KI in Sachen taktische Entscheidungen und Micromanagement lernen und sich so weiterentwickeln.
Bedenken bei Nutzung von KI
Das war nur ein kleine Auswahl von Anwendungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz in Videospielen. So sehr man sich über die Vorzüge einer KI bei der Schaffung eines Spiels freut, gibt es auch einige Bedenken beim Einsatz einer KI in der Spielentwicklung. Eine KI kann sich in Sackgassen manövrieren, wenn sie nicht ausreichend trainiert wurde. Sie verliert den Faden, verstrickt sich in Widersprüche oder wiederholt sich. Außerdem kommt eine künstliche Intelligenz noch nicht mit menschlichen Kommunikationsdetails wie Ironie, Subtext, Betonung und Gestik so gut klar, sodass sie diesen Input fehlerhaft interpretieren könnte. Eine KI ist nur so gut, wie der Input eines Menschen, denn sie greift auf bestehende Texte, Bücher und Bilder zu und wurde so trainiert, dass sie möglichst intelligente Antworten gibt. Deshalb ist der Mensch in der Spielentwicklung unersetzlich. Trotzdem gibt es hierbei die berechtigte Sorge um den Verlust einiger Arbeitsplätze durch die Automatisierung von Aufgaben, gerade in größeren Entwicklerstudios. Und wenn zudem generative Modelle auf Daten trainiert werden müssen, für die das Entwicklerunternehmen die Rechte besitzt, werden diejenigen mit einem großen Katalog besser positioniert sein als Start-ups bzw. kleine Independent-Game-Studios. Außerdem kommen in diesem Zusammenhang die Fragen des Urheberrechts, zum Beispiel bei generierten Bildern, und des Datenschutzes im Bereich von Nutzerdaten immer wieder auf.
Unser Event rund um KI
Künstliche Intelligenz hat bereits jetzt schon großen Einfluss, den wir vielleicht gar nicht bemerken. Je besser die Entwicklung und Forschung im Bereich KI voranschreitet, desto spannender wird es. Sie wird nicht nur die Videospielwelt in Zukunft revolutionieren, sondern auch unser Alltagsleben, unsere Arbeit, unsere Technologie und vieles mehr. Welche Neuigkeiten und Erkenntnisse es in diesem Themenfeld aktuell gibt, erfahren Sie auf der KI Navigator am 22. und 23. November 2023 in Nürnberg. Dort dreht sich alles um künstliche Intelligenz. Das vielversprechende Programm wird zwar erst Mitte August veröffentlicht, aber Tickets zum Frühbucherpreis gibt es bereits und noch bis zum 18. Oktober. Alle Informationen finden Sie auf der Event-Website.
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